The next Joan Didion
Ich habe ein neues Ziel. Ein gewohnt bescheidenes 😜
Ich möchte Joan Didion sein.
Nein, präziser: Ich möchte das für den deutschsprachigen Raum werden, was Joan Didion für die USA war.
Du kennst mich unbescheiden.
(Falls noch nicht: JETZT kennst du mich so.)
Für diejenigen unter euch, die Joan Didion nicht kennen: Joan Didion ist eine der berühmtesten Essayistinnen der USA.
Sie ist inzwischen gestorben, aber berühmt ist sie noch immer.
Schriftstellerin, Essayistin, Drehbuchautorin, Journalistin. Jahrgang 1934, gestorben 2021. Am Ende ihres Lebens weit über die USA hinaus bekannt. Und weit über den englischsprachigen Raum.
Wie ich gerade jetzt auf Didion komme? Ich erzähle es dir.
Ich war in den letzten Wochen wieder viel krank. Ich habe eine chronische Stoffwechselstörung, habe ich das je erzählt? Ich weiß es selbst noch nicht so lang. Diese Stoffwechselstörung bewirkt vor allem, dass ich sehr anfällig für Infekte bin. Und wenn mich einer erst erwischt hat, dann dauert es Wochen bis Monate, bis ich wieder auf den Beinen bin.
Ich habe gerade wieder eine solche Phase hinter mir. Und ich weiß noch nicht genau, ob sie wirklich vorbei ist.
In diesen Phasen, von denen ich in den vergangenen zwölf Jahren mehr als genug hatte, verbringe ich überdurchschnittlich viel Zeit im Bett. Wo ich mich zu Tode langweile.
(Honestly, ich kann die beigefarbenen Vorhänge in meinem Schlafzimmer nicht mehr sehen. Und die schwarzen kleinen Flecken darauf, die der Fensterrahmen auf ihnen hinterlassen hat und die einfach kein Muster ergeben wollen. Farbkontraste sind wichtig, wenn man krank ist. Aber sie müssen ästhetisch sein. Einschub Ende.)

Denn das ist der Punkt: Während der Körper zu schwach ist, um auf den Beinen zu bleiben, bleibt mein Kopf so willensstark wie eh und je. Das Gehirn ist benebelt, aber die Lust am Schaffen und Tun ist ungebremst.
In diesen Phasen also schaue ich Dokumentationen, wenn Lesen nicht geht. Meisten auf arte. Dieses Mal war es die Netflix-Doku Die Mitte wird nicht halten.
Eine Doku über Joan Didion.
Ich bin Joan Didion schon einmal begegnet, aber ich habe es vergessen.
Bzw. ich habe es nicht vergessen; ich habe es nur nicht einordnen können.
Ich bin mit Joan Didion in Berührung gekommen, als ich Schreibtisch mit Aussicht. Schriftstellerinnen über ihr Schreibenlas. In diesem Sammelband ist ein Essay von Joan Didion abgedruckt, der Essay Why I Write. Ich habe den Essay gelesen, so wie ich alle Essays in dem Band gelesen habe. Aufmerksam, neugierig, genussvoll. Aber ich habe nicht verstanden, wer Joan Didion eigentlich war.

Jetzt, nach der Doku, habe ich den Essay erneut gelesen; und mit ganz anderen Augen.
Es ist, als würde man eine Person, mit der man vorher nur E-Mail-Kontakt hatte, plötzlich persönlich treffen. Live, in echt und in Farbe. Das schärft meinen Blick für den vor mir liegenden Text. Es ist plötzlich nicht mehr irgendein Text, losgelöst vom Äther. Sondern ein Text, der in einem Kontext steht, eingebettet in eine Zeit, Orte und eine Biographie.
(Im Literaturwissenschaftsstudium haben wir viel über den Tod des Autors gesprochen. Darüber, dass Texte losgelöst von ihren Verfassern zu betrachten seien. Nur der Text sei der Text. Das ist eine Lesart, die den Vorteil hat, dass man mit ihr der Versuchung entgeht, so absurde Sätze zu schreiben wie “Der Autor wollte damit sagen…” – unsägliche Sätze, die wir in der Schule fleißig lernten und die unsere Uni-Dozenten uns über mehrere Semester gewaltsam austrieben, wofür ich heute dankbar bin.
Inzwischen sehe ich diese Tod-des-Autors-Haltung als intellektuelle Spielerei. Es ist schick, Kunst als etwas an sich Geschlossenes und Vollkommenes zu sehen; und sicher kann man aus einem Text auch wahnsinnig viel ziehen, wenn man ihn isoliert betrachtet. Doch am Ende macht es doch einen gewaltigen Unterschied, ob man weiß, dass ein Text im Russland des Großen Terrors 1937 geschrieben wurde; oder unter der Herrschaft Napoleons oder von einer jungen Frau aus Kalifornien in den 1960er Jahren.)
Which leads me back to Joan Didion.
Während ich Joan Didions Essay Why I Write zum zweiten Mal lese – dieses Mal mit dem biographisch geschulten Blick – verstehe ich.
Warum kamen mir die Ölraffinerien an der Carquinez Strait im Sommer 1956 so unheimlich vor? Warum brennen in meinem Kopf seit zwanzig Jahren die Nachtlichter des Bevatron? Was passiert auf den Bildern in meinem Kopf?
schreibt sie.
Und während ich beim ersten Lesen in diesem Absatz einfach nur zu viele unverständliche Wörter las (Carquinez Strait? Sommer 1956? Bevatron?) – Anspielungen, die ich bis heute nicht verstehe, weil ich keine Lust hatte sie nachzuschlagen – verstehe ich dafür den letzten Satz endlich: Was passiert auf den Bildern in meinem Kopf?
Bilder. Natürlich.
Im Schreiben von Joan Didion geht es um Bilder. Um Bilder, die Fragen auslösen. Fragen, die drängen.
Es sind die Bilder, die ihr Schreiben so stark machen.
Ein Bild kann eine Beobachtung sein. Ein Gefühl, das sich einstellt. Eine Aussicht. Eine Konstellation. Eine Situation.
Nur eines ist ein Bild nicht: abstrakt.
Ein Bild ist kein Gedankenkonstrukt. Keine intellektuelle Annäherung an einen theoretischen Begriff.
Ein Bild hat immer mit der Persönlichkeit des Betrachters zu tun, dessen Sichtweise das Bild unweigerlich prägt; genau wie der Winkel, in dem eine Kamera eingestellt ist, maßgeblich darüber entscheidet, wie das Foto am Ende wirkt.
Joan Didion verstand sich als Beobachterin von Bildern, deren Aufgabe es war, diese in Sprache zu übersetzen. So präzise wie möglich.
Grammatik ist ein Klavier, das ich nach Gehör spiele, weil ich in der Schule offenbar gefehlt habe, als die Regeln erklärt wurden. Alles, was ich über Grammatik weiß, ist, dass sie unendliche Macht besitzt. Die Struktur eines Satzes zu verschieben heißt, die Bedeutung zu verschieben, so kategorisch und radikal, wie die Kameraposition die Bedeutung des fotografierten Objekts verändert. Mit Kamerawinkeln kennt sich heute jeder aus, aber mit Sätzen nur wenige. Es kommt auf die Anordnung der Wörter an, und die richtige Anordnung gibt das Bild vor, das man im Kopf hat. Das Bild diktiert die Anordnung.
(Hervorhebung von mir)
Wenn ich davon spreche, Joan Didion sein oder werden zu wollen, dann ist es neben ihrer offensichtlichen Berühmtheit genau das, was ich möchte: ihren bildlichen Zugang zu Sprache zu kultivieren.
Das heißt: In Bildern zu erzählen, nicht in Abstraktionen.
Von Erfahrungen auszugehen, nicht von Gedankenkonstrukten.
Das ist es, wohin ich mein Schreiben entwickeln will.
In der Netflix-Doku ist Joan Didion bereits als sehr alte Frau zu sehen. Wenn sie spricht, fuchteln ihre Hände unkontrolliert in der Luft herum; ich schätze: Parkinson.
Sie spricht über ihre Texte, ihr Schreiben. Über ihren Mann, ihre Tochter. Und wie sie beide im Verlauf eines Jahres verlor. Und wie sie dann darüber schrieb.
Und da verstand ich etwas: Joan Didion zu sein, bewahrt einen nicht davor, ein echtes Leben leben zu müssen. Ein Leben, in dem wir Verstopfung bekommen, uns beim Gemüseputzen in den Finger schnippeln und wegen eines eingewachsenen Zehs zum Arzt müssen. Ein Leben, in dem unsere Liebsten sterben, und aller Erfolg und schönen schwarz-weiß-Fotos das Alter nicht daran hindern, uns Furchen ins Gesicht und Löcher in die Knochen zu nagen.
Mit Krankheit kenne ich mich jetzt schon aus, Tod und Trauer haben mich bislang nur berührt, nicht umgehauen. Doch ich weiß, dass sie auf mich warten, unweigerlich. Ob ich nun Joan Didion werde oder nicht.
Und das ist genau der Punkt: Sie warten auch dann auf mich, wenn ich nicht Joan Didion werde.
Sie warten auch dann auf mich, wenn ich nicht das tue, was ich liebe.
Also verbringe ich meinen Tag, mein Leben doch lieber mit dem, was ich liebe: mit Schreiben. So genial wie Joan Didion. So erfolgreich, klar – mindestens. Aber als ich selbst.
Alles Liebe
Miriam
❤️
Nachweise
zur Netflix-Doku: Joan Didion. Die Mitte wird nicht halten.
zum Essayband: Was ich meine von Joan Didion
zum Sammelband: Schreibtisch mit Aussicht, herausgegeben von Ilka Piepgras
die markierten Zitate von Joan Didion stammen alle aus dem angegebenen Sammelband




was für ein schöner Text, ich mag die Bücher/ Essays von Joan Didion sehr & empfehle „das Jahr magischen Denkens“ sehr gern Patienten beim
Thema Trauer
Ich habe nicht Literaturwissenschaften studiert. Das Lesen und der Wunsch, meine Gedanken etc. in den Ausdruck brachte mich Schreiben. Wenn ich einen Artikel lese oder ein Buch lese, ist es wie mit einem Date. Ein Date mit dem Autor. Als ob er oder sie ganz nah bei mir sitzt. Das ist für mich wie Magie. Ich kann es manchmal nicht beschreiben.
Dein Artikel, Miriam, bewegt mich sehr. Und obwohl du nicht Joan Didion bist, haben Deine Worte, Deine Texte eine große Wirkung auf mich. Vielen Dank. Ich freue mich, weiter von Dir zu lesen.